Eight

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Bio:

Es war eine nass kalte Januarnacht, als Ralf Murphy das Licht der Welt erblickte. Nun ja, von Licht kann man an dieser Stelle auch nur schlecht sprechen. Das diffuse Leuchten, das das Zimmer erhellte spendete gerade genug Licht um alle wichtigen Details wahrzunehmen, aber gerade zu wenig um die Urinflecken auf dem Boden und Dreck in den Ecken der kleinen drei-Zimmer-Wohnung zu registrieren.
Es gab Komplikationen bei der Geburt von Ralf. Nicht alles lief wie es sollte und genau deswegen hatte man schließlich doch noch einen Arzt zu Rate gezogen. Eigentlich saß der nicht drin. Das ungewollte Kind würde sowieso schon den finanziellen Rahmen der nun bald fünfköpfigen Familie sprengen und Ersparnisse hatte man keine. Man lebte ja jetzt schon am Limit.
Dem Arzt war schnell klar, wo das Problem lag. Das Kind war zu groß um es auf natürlichem Wege zu gebären. Ein Phänomen, dass mit einsetzen der Goblinisierung immer häufiger auftrat, gerade wenn die Kinder als Trolle oder Orks auf die Welt kommen wurde es immer problematisch, bei Elfen ging es meistens gerade noch so, da sie als Babys in der Regel schmal und zierlich waren.
Also musste doch noch operiert werden. Es traf genau das ein, was jeder in der Familie zu vermeiden gehofft hatte. Selbstverständlich hatte man kein Geld für ein Krankenhaus, selbst bei dem Arzt musste bereits die nähere Verwandtschaft zusammenlegen, es reichte ja gerade mal für ein paar abgekochte Handtücher mit denen der Küchentisch abgedeckt wurde, damit der Arzt dort sein Handwerk verüben konnte.
Alles in allem kann man wohl behaupten, dass Ralfs Geburt unter erheblich besseren und angenehmeren Umständen hätte verlaufen können, was sicherlich auch von seinem späteren Leben zu behaupten sei – ist es aber nicht.
In seinen Kindertagen verbrachte er die meiste Zeit alleine auf der Straße, zu Hause war ja keiner. Seine Geschwister gingen schon zur Schule, oder waren bereits ausgezogen und seine Eltern bemühten sich jeden noch so kleinen Job zu bekommen, damit das Geld noch bis Monatsende reichte. Und wenn sie dann mal nach Hause kamen, waren sie me1ist schlecht gelaunt und ließen es an Ralf aus, der doch nur darauf gewartet hatte, seinen Eltern mal wieder in die Augen zu schauen und ihnen von seinen tollen Erlebnissen auf der Straße zu berichten. Wie er letztens eine Ratte gesehen hatte oder wie der Nachbarjunge übel von einem Penner zusammengeschlagen wurde, weil er versucht hatte dessen Kartons zu klauen.

Natürlich fiel Ralf auch schon früh auf, dass er doch irgendwie anders war, als seine Familie und die meisten Menschen in seiner Umgebung. Er war immer ein bisschen stärker, hielt mehr Hieben von den älteren stand und fing auch immer erst später an zu weinen als die anderen in seinem Alter. Der Grund dafür lieferte ihm die Pubertät: Nicht nur sein Körper entwickelte sich schneller und stärker als der der anderen, ihm begannen auch Hauer zu wachsen. Er entwickelte sich langsam aber stetig zu einem dieser niederträchtigen Geschöpfe, zu einem Metamenschen und: ausgerechnet zu einem Ork! Gerade diese Wesen konnte sein Vater nie leiden, nur kannte Ralf nicht den Grund dafür.
Er besuchte die Schule zwar nicht gerne und auch nicht so regelmäßig wie er sollte, doch eins hatte er sich gemerkt: Es war ausgesprochen selten vor, dass sich Kinder von normalen „menschlichen“ Eltern in der Pubertät in Orks oder Trolle verwandelten. Wenn dies geschah, war der Grund meistens, dass wenigstens ein Elternteil metamenschlicher Abstammung war. Jetzt nach dem er wusste, was mit ihm nicht stimmte, konnte er eins und eins zusammen zählen: Sein leiblicher Vater muss wohl ein Ork gewesen sein. Also konnte sein Vater nicht sein wirklicher Vater sein, was auch eine plausible Erklärung dafür war, warum sein „Vater“ ihn immer weniger beachtete als seine andern Geschwister und auch warum sein er Orks nicht über den Weg traute.
Nachdem Ralf dies klar wurde dauerte es keine Woche mehr, traf er eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Er wollte weg von zu Hause, er konnte es nicht mehr ertragen immer nur der Sündenbock zu sein und immer die Schuld an allem zu haben, am Geldmangel, daran, dass sich seine Eltern immer nur stritten und dass sein Vater ihn bei jeder Gelegenheit das Gefühl gab, unerwünscht zu sein.
Er packte sich eine alte Sporttasche, warf seine wenigen Habseligkeiten hinein, rannte mit ihr zur nächsten Bahn und stieg einfach ein – ohne nur die geringste Ahnung davon zu haben, wohin diese Bahn fuhr. Aber alles schien ihm besser zu sein, als weiterhin bei seinen Eltern zu bleiben.
Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie er überleben sollte. Er hatte nichts, bis auf das, was er trug und seine Sporttasche.
Nach einiger Zeit hielt die Bahn mal wieder an. „Mülheim-Heißen“, ertönte die automatische Ansage. „Na, ist weit genug weg von zu Hause, und wird auch nicht besser oder schlechter sein, als alles andere, was ich finden werde. Also warum nicht?“ Ralf stieg aus, seine Sporttasche über die rechte Schulter geworfen und sah sich um: Es war nicht besser oder schlechter als das Viertel in dem er aufgewachsen war. Es kam ihm sogar auf den ersten Blick sehr nahe. Hier würde er sich zu Recht finden können, die Strukturen besser lernen können als woanders. Vielleicht würde er sich sogar irgendwann heimisch fühlen, also: er würde erst mal bleiben.

Die ersten Tage waren hart, die Nächte noch härter. Tagsüber war er damit beschäftigt irgendwie Geld aufzutreiben um sich Nahrungsmittel zu beschaffen, erst verkaufte er seine wenigen Habseligkeiten. Als er nicht mehr viel besaß, was er hätte zu Geld machen können, fing er an in den Geschäften nach Arbeit zu fragen, wurde aber immer wieder forsch abgewiesen. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu betteln, die Leute flehend anzusehen, die ihm nur Verachtung entgegen brachten, während sie kopfschüttelnd an ihm vorbei gingen. Seine Einkünfte waren bescheiden, sie reichten in den wenigstens Fällen für ein Abendessen, geschweige denn für ein Frühstück am nächsten Morgen. Als er abends mal wieder in ein paar Pappkartons gehüllt in einer ruhigen Gasse saß, kam ihm die Idee, wie er seine Situation verbessern konnte: Er musste stehlen. Wenn die Leute ihm nicht freiwillig das Gaben, was er zum Leben brauchte, musste er es sich halt selber nehmen. Gleich am nächsten Tag wollte er es versuchen.
Am nächsten Morgen trat Ralf motiviert auf die Einkaufspassage ein: „Heute Abend werde ich nicht vor Hunger nicht einschlafen können! Heute Abend sitzt vielleicht ja sogar ein Soja-Burger drin! Also los geht’s!“
Es war leichter gesagt als getan. Er blickte immer wieder durch die Menge und konnte einfach nicht das passende Opfer finden, was ihm abgelenkt genug erschien. Oder kurz bevor er die Hand an den Geldbeutel seines Opfers legen konnte, haderte er mit sich selbst, ob das Ziel denn lohnen würde und die Chance war vertan. Als es dann Abend wurde und der Hunger langsam unerträglich wurde, schwanden auch seine Hemmungen. Bei seinem nächsten Ziel würde er erbarmungslos zuschlagen! – Und da war es auch schon. Ein anderer Ork ein paar Jahre älter als er, Gangerjacke mit irgend so einem fliegenden Auge drauf: „Bloody Eyes“ stand in Blut darunter geschrieben. „Pha! – Nicht sonderlich einfallsreich! Und die Beule da an seinem Hinterteil, da bestimmt seine Geldbörse drin und hoffentlich ein paar Credsticks mit ein wenig Geld.“ Der Ganger blieb an einem Zeitungsstand stehen und schaute sich das Angebot an und nahm die neue Ausgabe der FHM heraus. „Gut, besser kann es gar nicht laufen, der ist erstmal für ´ne Weile abgelenkt. Das ist meine Chance!“ Schnell ging er auf ihn zu, wurde langsamer und streckte geschickt seine Hand aus um das Bündel aus der Tasche zu ziehen. Doch der Biker war schneller, ehe Ralf sich versah, hatte er seine ausgestreckte Hand gepackt und sie ihm in den Rücken gedreht.
„Netter Versuch kleiner. Fasst hättest du mein Dietrich-Set gehabt. Aber beim nächsten Mal, pass besser auf die spiegelnden Scheiben auf, die haben dich verraten – und lauf nicht so zielstrebig auf dein Opfer zu, dass ist zu auffällig, die Leute fangen dann an dich zu beobachten. Lass es ganz zufällig und unauffällig wirken – du bist neu hier oder? Ich hab dich hier nicht gesehen!“
„- ähh ja“, Ralf war total durcheinander, er hatte geglaubt, sein letztes Stündlein habe geschlagen als er den Druck an seinem Handgelenk realisiert hatte. Aber mit so einer Reaktion hatte er am wenigsten gerechnet. „Hat‘s dir wohl die Sprache verschlagen, was? Na komm ich zeig dir mal wie es richtig geht.“, der Ganger drehte sich um, ließ seinen Blick einmal durch die Menge schweifen und drehte sich wieder zu Ralf um: „Da vorne bei den Unterwäscheladen, sieht‘s du die Frau? Die hat bestimmt über 200 dabei. Um was wetten wir?“ „Eh, echt so viel? Aber ich hab – “, ehe Ralf noch richtig Antworten konnte, war der Ganger schon bei der Frau, rempelte sie versehentlich an, half ihr die Wäsche wieder auf die Stange zu packen und entschuldigte sich noch schnell und ging mit hoch rotem Kopf, aber mit einem hämischen Grinsen nach nicht einmal fünf Minuten wieder zu Ralf zurück. Hob die Geldbörse und öffnete sie. In den Laschen steckten drei Credsticks: 100 Nuyen; 78,45 Nuyen und 45,69 Nuyen zeigten die Mini-Displays an.
„Verdammt. Du hattest Recht, aber wie konntest du so schnell -? Woher wusstest du, dass -?“, versuchte Ralf die Situation zu verstehen. Doch der Ganger unterbrach ihn: „Lust auf einen Burger? Ich lad dich ein. Ach ja, ich bin übrigens George, doch alle nennen mich Peach, hier das ist übrigens dein Anteil!“ Peach reichte Ralf den Credstick mit den 78,45 Nuyen. „Okay, danke. Ich bin Ralf.“, mehr bekam er nicht mehr über die Lippen. Peach führte ihn zu einem nahegelegenen Imbiss und bestellte für sie beide Essen und Getränke. „Du warst gar nicht so schlecht für den Anfang, war das dein erster Diebstahl?“, fragte Peach. „Ja, war es, aber du hast mich doch gepackt, also zählt das wohl kaum. “
„Tja, wenn du vor hast länger auf der Straße zu überleben, such dir keine Opfer, die besser sind als du! Das gilt für Diebstähle, sowie für Schlägereien. Wobei bei beiden kommt es auch sehr auf die Technik an, wie du dir vielleicht denken kannst. Und deine Technik ist gar nicht mal so übel. Wenn du willst zeig ich dir noch ein paar Tricks, wie der Einstieg leichter wird… “
Und so war es dann auch: Ralf klebte wie gebannt an Peach’s Lippen, während Peach ihm Sachen erzählte, die seiner Meinung nach wissenswert über dieses Viertel waren, und auch für das überleben auf der Straße ihren Wert zu haben schienen. Sie trafen sich am nächsten Tag nochmal und zehrten gemeinsam ihre Diebstahlbeute auf. Schnell wuchs eine Freundschaft zwischen den beiden. Peach lud Ralf zu sich in die Wohnung ein und erlaubte Ralf bis er etwas Eigenes fand, bei sich auf dem Flur zu schlafen. Das Wohnzimmer war tabu, da schliefen Peach’s Hunde.

Peach nahm Ralf ab und zu mit, wenn er raus ging und zeigte dem Teenager, wie man mit dem was man findet auf der Straße überleben kann und verriet ihm, wie man sich in bestimmten Situationen verhielt.
So kam es schließlich auch, dass Ralf Kontakt zu Peach’s Bikergang bekam, den „Bloody Eyes“. Auf den ersten Blick war es eine der üblichen Straßengangs mit genau denselben Typen, wie in jeder anderen Gang auch. Aber irgendwie war etwas anders. Die Gang war wesentlich strukturierter, als die meisten, die Ralf zuvor gesehen hatte. Außerdem kannte jeder jeden und jeder wusste, dass er sich auch auf die anderen verlassen konnte – es war eine große, raue, aber nette Familie.
Erst als Ralf älter wurde und langsam aber sicher auch mal auf den einen oder anderen Trip mitgenommen wurde, verstand er wie die Biker an ihren Namen gekommen waren. Sie ließen keine Gelegenheit aus, ihren Opfern, wenn sie sie nicht mehr brauchten, alle wesentlichen Organe zu entnehmen um sie dann gewinnbringend an Krankenhäuser oder Ärzte zu verkaufen, die selten genaue Fragen stellten. Es kam nicht sonderlich häufig vor, aber manchmal nahmen sie auch Organe, ihre Besitzer noch gut gebrauchen konnte, doch das taten sie in der Regel nur, wenn sie Standpunkte bekräftigen wollten oder Denkzettel verpassen wollten. Eine beliebte Methode war es daher geworden, Leuten, die ihnen in die Quere kamen, ein Auge bei lebendigem Leib zu entnehmen – selbstverständlich ohne Betäubung. Ralf mochte diese Methode nicht unbedingt, aber es schien, als ob sie funktionierte. In ihrem Viertel wagten es nicht viele, gegen die „Bloody Eyes“ vorzugehen und die, die es taten, machten es meist nur einmal.
So strichen die nächsten Jahre dahin und langsam wurde aus dem Teenager, der von zu Hause weggelaufen war, ein Mann. Er lernte, wie er sich verteidigen musste, er lernte wie er angreifen konnte. Ein Freund von Peach brachte ihm einige spezielle Schlagtechniken bei und übte ihn im Kampfsport einfügen. Nach einiger Trainingszeit war Ralf schneller, gezielter und ausdauernder als sein Trainer und auch in den kleinen Scharmützeln auf der Straße, die es dennoch gelegentlich gab, zog Ralf selten den Kürzeren.
Als Ralf volljährig wurde, bekam er von Peach und einigen anderen seine erste Remmington Rommsweeper geschenkt und wurde gefragt, ob er nicht mal so richtig in die Gang mit einsteigen wolle. Ralf freute sich tierisch über dieses Angebot, er mochte die Gang, mit der Zeit waren viele der Mitglieder ihm ans Herz gewachsen und schon lange ein Teil seiner neuen Familie geworden. Inzwischen freute er sich darauf endlich eine dieser doch echt coolen Jacken tragen zu dürfen, die doch so bezeichnend für diese Kerle war.

Doch bevor man die Gelegenheit hatte, Ralf eine Möglichkeit zu geben seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, passierte etwas Schreckliches. Eigentlich war es ein Abend wie jeder andere auch, man saß zusammen in „Jimmys Biertempel“ trank gemütlich sein Bier und spielte Billiard, Flipper oder Darts. Nur das auf einmal die Eingangstür aufgerissen wurde und ein gutes Dutzend Zwerge in grau-schwarzen Klamotten rein stürmte, ihre Waffen zückten und auf die „Bloody Eyes“ zielten. Die Biker hielten in ihren Bewegungen inne und schauten verdutzt auf die Läufe der geladenen Waffen. Wie konnte das sein? Noch nie hatte eine andere Gang gewagt, die „Bloody Eyes“ in ihrer Kneipe aufzusuchen und wenn man Kontakt suchte, dann auch nicht in einen solchen Aufmarsch.
„Hey, Eyes. Seht zu, dass ihr Land gewinnt. Diese Kneipe gehört jetzt uns, den ‚Ultras‘ habt ihr gehört? Wenn wir hier noch jemals einen von euch erwischen dann wird er hier nicht mehr lebend rauskommen! Verstanden? Und jetzt raus mit euch!“ Keiner rührte sich, keiner konnte fassen was da gerade geschah. „ Drei, zwei“, zählte der dickliche Zwerg in der ersten Reihe herunter. Keiner rührte sich, keiner konnte glauben, dass das grade Wirklichkeit war. „Eins. – Null!“, der Zwerg zog den Abzug seiner Ares Predator IV durch und schoss Peach, der genau neben Ralf stand mitten in die Brust. Peach sackte sofort zusammen und klappte um. Eine rote Larche bildete sich langsam auf dem dreckigen Boden und alle starrten nur fassungslos auf die Situation – alle waren wie paralysiert.
„Seht ihr? Wir spaßen nicht. Also raus jetzt und schön die Hände hoch dabei, sonst legen wir noch einen um!“ Langsam aber sicher setzten die „Bloody Eyes“ und Ralf sich in Bewegung und verließen die Kneipe. Als sie sich draußen auf dem Parkplatz neben ihren Motorrädern versammelte ging nochmal die Tür der Kneipe auf. „Hey! Eyes! Ihr habt euren Freund vergessen!“, riefen sie den „Bloody Eyes“ zu, als sie Peachs Körper in eine große Schlammpfütze vor der Tür warfen. Es machte einmal laut „Platsch“ und noch ehe die Typen die Tür hinter sich geschlossen hatten, kniete Ralf auch schon neben Peach und drehte ihn auf den Rücken. Versuchte einen Puls zu finden, den Atem zu spüren – doch da war keiner mehr.
Es dauerte eine Weile, was es bedeutete bis Ralf begriff, was es hieß: Peach ist tot. Man hatte ihm einen Freund genommen, seinen „Straßen-Vater“ genommen. Man hatte ihm die erste Person in seinem Leben genommen, der er wirklich vertraut hatte – die nett zu ihm gewesen ist.
Seine Trauer hielt aber nicht lange, er verwandelte sie in Wut –in eine tierische Wut! Eine Wut auf diese beknackten „Ultras“. Einer eigentlich ganz harmlosen Schrauber-Gang, wie man sich auf der Straße erzählte. „Von wegen harmlos. Die werden dafür bluten!“, dachte Ralf.
Es dauerte einen halben Tag bis Ralf über einen anderen „Bloody Eye“ Kontakt zu einem Mann hatte, der ihm auf der Stelle einen ordentlichen Kredit über mehrere tausend Nuyen anbot. Ralf unterschrieb ihn sofort. Das Kleingedruckte interessierte ihn im Augenblick kaum. Mit dem geliehenen Geld mietete er sich eine eigene Wohnung und nahm Peach Hunde bei sich auf. Lex und Ney waren zwei ganz besondere Kampfhunde, es waren… Am gleichen Nachmittag noch rief Ralf bei Stuart Griffin an, ein „Bloody Eye“ mit irischem Hintergrund und Kontakt zu irischen Schiebern und gab seine Bestellung auf. Einige leicht modifizierte Sturmgewehre, mehrere Pistolen, Granaten und ein Haufen Munition. Es dauerte knapp drei Tage, als Ralf den Anruf bekam, dass er die Sachen abholen konnte. Er frage ein nettes „kleines“ Troll-Mädchen, das in der letzten Zeit häufiger bei ihnen abhing, ob es nicht gerade Zeit hätte ihm zur Hand zu gehen. Klaute sich einen Kleinwagen, holte mit dem Troll-Mädchen seine Sachen ab und brachte sie zu seiner Wohnung.
Das Mädchen stellte sich als „Aurelia“ her raus, doch alle nannten sie nur Schattenschwinge. Sie war nett und sie war neu und augenblicklich musste Ralf an sich selber denken, wie er damals alleine in Heißen gelandet war und selber erst einmal Fuß fassen musste. Er erinnerte sich an die Tage mit dem permanenten Hungergefühl und an die kalten nicht endenden Nächte. Also ergriff er kurzerhand das Wort „Hey, Schattenschwinge. Du… Also ich mein… Ich hab die ganze Zeit über mit Peach zusammen gewohnt und irgendwie war immer was los bei uns, also in seiner Bude. Also was ich damit sagen will ist. Ich hab wenig Lust hier alleine zu leben und eigentlich ist hier ja auch genug Platz für uns beide. Also wenn du noch nichts hast, wo du pennen kannst. Bist du hier gerne Willkommen. Du scheinst mir vernünftig zu sein.“

Schattenschwinge ließ sich das Angebot schnell durch den Kopf gehen. Es dauerte keine ganze Stunde und Schattenschwinge stand mit ihren wenigen Habseligkeiten bei mir in der Wohnung und beanspruchte ganz keck die hintere Ecke des Zimmers, nahe beim Fenster. Ralf und Schattenschwinge merkten schnell, dass sie viele Gemeinsamkeiten hatten und freundeten sich schnell an. Und als Ralf ein paar Wochen später erneut das Angebot bekam, nun offiziell Mitglied der „Bloody Eyes“ zu werden, bat er darum, dass Schattenschwinge direkt mit aufgenommen werden dürfe. Gemeinsam bekamen sie eine Art Aufnahmeprüfung gestellt, die ihr können und ihre Verlässlichkeit unter Beweis stellen sollte. Sie hatten eine Woche Zeit, das rechte Auge von Peachs Mörder zu besorgen.
Schattenschwinge und Ralf machten die „Ultras“ und vor allem den dicklichen Zwerg, der auf Peach geschossen hatte, schnell ausfindig. Doch zu ihrem Leidwesen, trafen sie den Zwerg nie alleine an. Er wurde immer von mindestens zwei bis drei anderen „Ultras“ begleitet. Die beiden „Bloody Eyes“ Anwärter verbrachten viel Zeit damit, auf die passende Gelegenheit zu warten und ehe sie sich versahen, war das Ende der Woche gekommen und um Mitternacht, wollte ihr Boss Ergebnisse sehen. Gefrustet von ihrem bisherigen Misserfolg saßen beide bei sich in der Wohnung und ertranken ihre Sorgen mit einem Kasten Bier. Ehe dieser halb leer war fing Ralf an: „Es kann ja wohl nicht wahr sein! Es liegt an uns Peachs Mörder in den Arsch zu treten. Und wir kriegen es einfdach nicht gebacken.“ Er stand auf, ging zu seiner Ecke her rüber und kramte in den Kisten her. „Der Plan ist zwar nicht gut, aber nichts tun ist noch schlechter! Wir fahren da jetzt hin und klären die Sache. Und wenn die mich umbringen… Dann bin ich wenigstens nicht auf der Couch gestorben!“, er nahm die Ares Predator und lied sie durch. Da ihnen die Zeit weglief und sah Schattenschwinge sich gezwungen sich Ralf anzuschließen und nach einer viertel Stunde, waren sie gemeinsam auf dem Weg zu „Jimmys Biertempel“, wo sie fest damit rechneten den dicken Zwerg zu treffen.
Als sie Peachs Motorrad abstellten und auf die Kneipe zu steuerten, kam ihnen schon ein gewisser Lärmpegel entgegen. Auf dem Parkplatz standen sechs Motorräder von den „Ultras“.
„Schwarz mit einem Blitz auf dem Tank – auch nicht gerade einfallsreich“, dachte Ralf im vorbei gehen. „Aber sechs sind ein paar zu viele, Ralf“, bemerkte Schattenschwinge. „ja, aber lass uns erst mal gucken gehen. Vielleicht sind die ja alle schon total betrunken, dann wird es einfacher!“
Im inneren der Kneipe überflogen beide die Gäste. Noch ehe Ralf damit fertig war, wies Schattenschwinge auf eine Sitzgruppe in der hinteren Ecke.
„Dort, da hinten in der Ecke. Da sind sie. Aber ich seh nur drei!“
„Umso besser für uns, die anderen sind wahrscheinlich gerade in irgendeinem Hinterzimmer beschäftigt oder kotzen sich auf dem Klo die Seele aus dem Leib.“
Sie gingen vorsichtig am Tresen entlang und taten so, als ob sie einen alten Freund suchten mit dem sie verabredet waren um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Als sie sich langsam ihren Zielen näherten, flüsterte Ralf Schattenschwinge zu: „Und alles wie geplant?“ Schattenschwinge nickte. Sie kamen näher: Die drei „Ultras“, unter ihnen der dicke Zwerg, saßen um den Tisch herum und waren in ihr Kartenspiel vertieft. Einer saß auf einem Stuhl zum Gang, die anderen beiden links und rechts von ihm. Ralf trat hinter den mit dem Stuhl, legte die Hände um seinen Kopf und zog ihn mit einem kräftigen Ruck nach links. Noch bevor das Genickt brechen konnte, schleuderte Schattenschwinge den rechtssitzenden „Ultra“ einen Betäubungsblitz entgegen, der ihn sofort ausknockte. Der rechtssitzende Zwerg, der dickliche, sprang auf und versuchte an seine Waffe zu kommen, die sich in seinem Holster verklemmte. Ralf griff ihn mit einer Vielzahl gezielter Schläge auf Nerven und Druckpunkte an. Die Verteidigung des Dicken war mehr als dürftig, sodass die meisten Schläge auch trafen. Der Dicke sackte bewusstlos in sich zusammen.
Ralf wollte sich gerade triumphierend zu Schattenschwinge umdrehen, als sie ihm entgegen rief: „Pass auf! Da kommen noch welche aus dem Klo. Hinter dir!“ Ralf wirbelte herum, zog seine Remmington hinten aus dem Gürtel und fixierte den ersten in der Reihe an. Doch ehe er abdrücken konnte, hatte Schattenschwinge wieder einen Betäubungsblitz losgelassen, der den ersten voll erwischte. Ralf zog die Pistole rüber und schoss auf den zweiten. Er traf ihn nur am rechten Oberarm. Die beiden „Ultras“ setzten zu einem spurt an. Ralf griff in die Bauchtasche seines Hoodie und griff nach dem Schlagring. Seine Hand griff ins leere und noch ehe er begreifen konnte, dass ihm sein Schlagring aus der Tasche gefallen sein musste, traf ihn die Faust des „Ultras“ mitten in den Bauch. Ralf krümmte sich vor Schmerz und ließ reflexartig die Remmington fallen, der Zwerg nutze seinen Schwung, warf ihn um und setzte sich dann auf Ralfs Oberkörper um seinen Kopf mit weiteren Hieben zu malträtieren. Ralf wehrte sich mit seinem linken Arm, gegen den aggressiven Zwerg und suchte mit der rechten verzweifelt auf dem Boden nach einer Waffe mit der er sich den Zwerg vom Hals schaffen konnte. Der Zwerg griff und zerrte an Ralfs Arm und kam aus dem Gleichgewicht als Ralfs Pulloverärmel nachgab und riss. Ralf konnte auf dem Boden etwas greifen, es war sein Schlagring! Er umklammerte den Griff, holte weit aus und schlug mit voller Wucht auf den Kopf des Zwerges ein. Der Zwerg, der schon genug mit einem Arm von Ralf und seinem Gleichgewicht zu tun hatte, sah den Schlag nicht kommen und verlor das Bewusstsein, als sich die Stahlspitzen des Schlagrings durch seine Gesichtsknochen bohrten.
Ralf schüttelte den am Kopf blutenden Zwerg von sich ab und schaute sich um. Den dritten „Ultra“ hatte Schattenschwinge geschickt gegen die Wand laufen lassen und ihn dann noch mehrmals mit dem Kopf dagegen knallen lassen, so dass sich ein roter Abdruck und eine Delle deutlich in der Wand abzeichneten. „Phu, das kam unerwartet. Und jetzt?“, Ralf richtete sich wieder auf und griff zu seiner Remmington, die er unter dem blutenden Zwerg hervorziehen musste. „Wir sollten uns um das Auge kümmern und dann schnell verschwinden. Das hat sich bestimmt schon – “, bevor Schattenschwinge zu Ende sprechen konnte, ging die Kneipentür auf und drei weitere „Ultras“ erschienen an der Tür. Nach einem Moment des Verstehens griffen sie fast gleichzeitig zu ihren Waffen und schossen auf Schattenschwinge und Ralf. Schattenschwinge konnte noch rechtzeitig in Deckung gehen, doch Ralf streifte eine Kugel am linken Unterarm, bevor er sich hinter einem Billardtisch verschanzen konnte.
Er duckte sich darunter weg und erwiderte das Feuer, während Schattenschwinge sich auf einen Betäubungsblitz konzentrierte. Der Blitz traf einen der beiden vorderen „Ultras“, der daraufhin zur Seite weg kippte. Die Ablenkung nutze Ralf und rollte sich aus seiner Deckung um einen gezielten Schuss auf den Kopf des anderen Ultras zu setzten. Er konzentrierte sich, legte an und drückte ab. Die Kugel flog durch die gesamte Kneipe und durchschlug die Stirn des „Ultras“. Der letzte verbleibende, guckte einmal nach links, dann einmal nach rechts zu seinen am Boden liegenden Freunde, machte auf dem Absatz kehrt und lief aus der Bar.
„So jetzt aber schnell! Schnapp dir das Auge! Ich halte dir den Rücken frei“ hörte Ralf Schattenschwinge rufen. Ralf brauchte ein bisschen, bis er seinen Körper wieder unter Kontrolle hatte und sich sein Adrenalin-Spiegel wieder annähernd normalisiert hatte. In aller Hektik griff er nach einer Plastiktüte, nahm sie in die linke Hand und griff mit der rechten in die Augenhöhle des ersten „Ultras“, der neben ihm lag. Mit einem Ruck, zog er Hand und Auge aus der Augenhöle und steckte das Auge in die Plastiktüte. Erst als er wieder auf das Gesicht seines Opfers schaute, bemerkte er, dass es gar nicht der dicke Zwerg gewesen war, sondern irgendein anderer „Ultra“ und dann kam ihm eine Idee… Um Peachs Tod angemessen zu rächen, ging Ralf von „Ultra“ zu „Ultra“ und riss jedem das rechte Auge aus und steckte es in die Tüte. „Das wird euch eine Lehre sein! Und wir werden das wiederholen, wenn ihr noch einen von uns tötet! Klar?!“, Ralf knotete die Plastiktüte zu und steckte sie in die Bautasche seines Hoodies, griff noch nach seinen Waffen und gab Schattenschwinge ein Zeichen, dass sie abhauen wollten.
Sie verließen „Jimmys Biertempel“ fast genauso schnell, wie sie gekommen waren und nur wenige Minuten später standen Schattenschwinge und Ralf vor ihrem Boss und Ralf überreichte ihm, noch mit blutiger Hand, die Tüte mit den acht Augen: „Das von Peachs Mörder ist auch da drin! Ich dachte ein paar mehr könnten nicht schaden!“

Diese Aktion sprach sich in den darauf folgenden Tagen rum und schon bald kannten Ralf die meisten Leute nicht mehr unter dem Namen „Ralf Murphy, der Junge von der Straße“, sondern unter dem Namen „Eight – Peachs Rächer“. In den darauf folgenden zwei Jahren lebten sich Schattenschwinge und Ralf gut in den „Bloody Eyes“ ein und wurden schnell zu angesehenen Mitgliedern, die für reichlich Umsatz auf dem Organ-Schwarzmarkt sorgten.

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Der Moloch erbebt, Aufregung in Nordrhein-Ruhr Eight