Der Moloch erbebt, Aufregung in Nordrhein-Ruhr

Konzert mit Beigeschmack

5.11.2075

gepostet von Eight

Diesmal war es nicht der Wecker, der mich nach einer mal wieder viel zu langen Freitagnacht aus einer viel zu kurzen Schlafphase riss. Nein, es war das monotone Bollern gegen meine Tür, was an einem Samstagmorgen erfahrungsgemäß nichts Gutes heißt. Nachdem ich wenigstens die Kontrolle über die wichtigsten Gliedmaßen wiedererlangt hatte, raffte ich mich auf und schob den Vorhang zur Seite. Schattenschwinge schlief natürlich noch. Oder sie tat zumindest so als ob. War ja mal wieder klar, na toll! Also muss ich bis zur Tür. Dort angekommen, öffnete ich sie und ja, meine Vorahnung hatte mich nicht getäuscht, Ärger marschierte durch die Tür: Giovanni de Lorenzo spazierte hinein, dicht gefolgt von einem seiner Leibwächter, mit denen man sich besser nicht anlegten sollte – selbst mir war das klar. Natürlich kam er gleich zur Sache und wies mich auf noch ausstehende finanzielle Mittel hin, und dass er eine Möglichkeit sähe, diese wenigstens Teilweise zu begleichen. Ich sollte ihm Leber, Herz, Lunge und die Milz der Leadgitarristin der Band „7“ besorgen, die heute Abend ein Konzert in Köln spielen sollte, kein Plan, was er damit anfangen wollte. Wollte ich aber auch irgendwie gar nicht wissen, also fragte ich auch nicht weiter. Schrieb nur eben die wichtigsten Eckdaten, die er mir nannte auf eine alte, bereits von Fettflecken zersetzte Bestellkarte von „ Enzos Pizza-Pasta-Palast“. Lorenzo verschwand genauso schnell wieder wie er gekommen war.
Schattenschwinge wahrscheinlich vom Lärm aufgewacht, schaute mich fragend an
„Gibt Arbeit für uns, Lorenzo will ein paar bestimmte Organe haben“ gab ich als Antwort zurück und nahm den Instantkaffee aus dem oberen Regal um endlich meinen Frühstückskaffe auf zusetzten. „Willst du auch welchen? Schattenschwinge?“
„Nein, Wieso hast du den überhaupt gekauft, du weißt doch, dass ich gegen Krill allergisch bin!“ „Ach verdammt, irgendwie wird ich mich da wohl nie dran gewöhnen – und außerdem schmeckt dieser hier viel besser als dieses Sojazeugs!“
Um mich über die neusten nennenswerten Geschehnisse in Kenntnis zu setzen, nahm ich mir meine Sonnenbrille mit integrierter Bildverbindung, die AR-Matrix-Handschuhe und startete meinen Sony Emperor. Über die Lesezeichenfunktion gelang ich schnell auf bild.de, überflog den Titel und scrollte schnell zur unteren Hälfte von Seite 1: geballte nackte Haut baute sich vor mir auf, das müsste bestimmt doppel H gewesen sein. Aber nicht sonderlich angenehm anzuschauen. Die restlichen Meldungen des Tages waren auch nicht von sonderlich großer Bedeutung, was mich allerdings dann doch ein bisschen mitnahm, war ein kleiner Bericht über eine Polizei Aktion, bei der ein Kampfhundering hoch genommen wurde: 120 Tote Köter. Diese Schweine!
Ich wechselte zu Google und suchte noch ein paar Informationen über Jennifer Roth, diese „Wanna Be“ Gitarristin mit den überflüssigen Organen. Anscheinend war „7“ so eine daher gelaufene Punk-Rock-Ska-Tralala Band, die wohl im Laufe der Zeit an Fans hinzugewonnen hatte und jetzt „weltberühmt“ sei. Nach ein paar Klicks hatte ich ein paar ganz ansehnliche Bilder von Jennifer gefunden, mit denen man ihre anatomischen Formen recht gut abschätzen konnte. Jammerschade. Die war echt hübsch, nur leider besaß sie was, was ich brauchte – ihre Organe!
Ich nahm die Brille ab und reichte sie Schattenschwinge, die gerade damit beschäftigt war, die Raben vor unserem Fenster mit unseren Lebensmitteln zu füttern. Kopfschüttelnd sah ich sie an „Immer dasselbe… gib denen doch wenigstens was abgelaufenes, dann werden es wenigstens weniger. Aber Lorenzo`s Geschichte könnte noch interessant werden. Hier guck dir mal diese Jennifer an, die sieht gar nicht mal so schlecht aus, aber wenn wir uns holen was wir brauchen… -“
„Dann brauch sie ihre anderen Organe auch nicht mehr, schon verstanden!“ , beendete Schattenschwinge meinen Satz und nahm die Brille entgegen. Plötzlich war von draußen ein lautes Knattern zu hören und eine Motorradgang fuhr direkt an unserem Fenster vorbei. Nach einem Augenblick der Besinnung kam ich zu dem Schluss: Das waren nicht unsere. Also schnell mal eben die AK durchladen. Vielleicht hat man ja Glück und sie kommen zurück. Scheiß „Wanna Be“ Biker.
Nach ein paar Minuten Ruhe und einer weiteren Tasse Krill-Kaffee störte ein zweites Motorrad mein Frühstück. Nach einem Blick aus dem Fenster vergewisserte ich mich, ob sie doch so doof gewesen sind und zurück kommen würden. Doch ich sah nur noch ein Rennmotorrad die Straße hinauf rasen.
Schließlich kamen Schattenschwinge und ich zu dem Schluss, dass es mal wieder an der Zeit sei unsere Bikes rauszuholen und sich den Wind um die Ohren sausen zu lassen. Geschwind warf ich mich in meine Panzerjacke und die Lederkutte mit unserem Gangemblem, nahm die Roomsweeper und die Ares Predator von der Wand und suchte noch schnell zwei Ladestreifen aus den Munitionskisten in der Ecke verstaute alles in den Satteltaschen meiner Harley, beim Verlassen des Hauses griff ich routinemäßig noch zu meinem Schlagring und steckte ihn mir in die Westentasche. Selbstverständlich war der Tank mal wieder leer und der erste Weg führte Schattenschwinge und mich demnach zur Tankstelle um die Ecke. Als wir von dort wieder runterfahren wollten, drängte uns ein BVB-Fanbus zur Seite hin ab. Da man von innen Gelächter über uns hören konnte, der Tag bereits scheiße genug verlaufen war und die Straße bis auf einen gemächlich dahin schleichenden Sattelzug frei war, beschloss ich mich ein wenig Spaß zu haben und fingerte mit einer Hand meine Predator aus der Satteltasche konzentrierte mich ein wenig und schoss auf den Vorderreifen des Busses. Daraufhin machte dieser plötzlich einen Schlenker zur Seite, fing sich aber relativ schnell wieder. Da sich der Reifen von selbst wieder flickte und aufpumpte. Verdammte Smartreifen… Aber wenigstens hatten die Leute im Bus die Hosen voll, der beschleunigte nämlich daraufhin und fuhr die nächste Abfahrt runter. Und bevor die Bullen auftauchen konnten verließen wir die Autobahn auch und kurvten ein bisschen in der Landschaft rum um unsere Spuren zu verwischen und natürlich auch die Aussicht zu genießen.
Nach einer Weile kamen konnten wir am Rheinufer eine Gruppe von den „Banditos“ ausmachen. Die hatten einen Sattelzug angehalten und waren damit gerade beschäftigt dessen Fahrer mit billigem Bier abzufüllen. Als wir vorbei fuhren, dachte ich elfische Züge bei dem Trucker erkennen zu können. Ich mein ich kann die „Banditos“ nicht sonderlich leiden, aber an dieser Stelle hatten sie echt Sinn für Humor… einen Elfischen-Trucker abzufüllen, der allem Anschein nach das Bier nicht vertrug, traf an dieser Stelle echt meinen Geschmack.
Ehe wir uns versahen führten uns unsere Bikes an dem Ortseingangschild von Köln vorbei, ohne dass wir die Absicht hatten dort hinzugelangen. Doch als wir Richtung Innenstadt fuhren kam mir der Gedanke, dass wir ja doch vielleicht mal am Domplatz vorbeifahren könnten um einen Blick auf das Konzert zu werfen. Als wir auf den Domplatz fuhren, fiel mir auf den ersten Blick eine ältere Zwergenfrau auf, dir mit einem „Jesus rettet“ Schild die Straßen auf und ab fuhr. Ich dachte mir, dass dieser Tag schon fast wieder gelungen werden könnte, erst der olle BVB Bus, dann der besoffene Elf und nun auch noch dieser Däumling mit einem solchen lächerlichen Schild!
Also Zack, Motorrad in Richtung Zwergin gelenkt und ein paar Runden um sie gedreht. Was für lächerliche Flüche sie uns zugerufen hat, die würd bei uns im Viertel keine 2 Stunden überleben! Als sie so richtig auf 180 war, verlangte sie ja quasi schon von mir, dass ich absteige und mir ihr Schild mal genauer ansehe. Und das tat ich auch. Nach ein paar Handgriffen war von dem Schild nicht mehr allzu viel übrig. Eigentlich nur Schade, dass die ollen Bullen das Ganze nicht genauso lustig fanden wie Schattenschwinge und ich. Naja, bevor die uns noch den Tag versauen konnten, schnell wieder auf die Räder und weiter die Straße runter.
Am Konzertgelände angekommen sahen wir den Ticketstand bereits von weitem. Als wir ihn näher in Augenschein nahmen, sahen wir noch 2 frei Tickets für 90 Nuyen und vier Leute vor uns in der Schlange – nicht dass das ein Problem gewesen wäre, aber ein Blick zu Schattenschwinge verriet mir: „Das ist den Ärger nicht wert! WIR kommen da auch anders rein“.
Die Anzeige wechselte auf ausverkauft und die letzten beiden Glücklichen gingen rasch zu den Ordnern, die sie nach Waffen, Getränken und Drogen durchsuchten. Die andern beiden vor uns beschwerten sich lautstark. Es sei doch eine Unverschämtheit, sie hätten so lange angestanden und jetzt das hier! Ich dachte mir nur: Fangt doch an zu weinen. Schob mich mit einer Armbewegung an ihnen vorbei, als ich eine Person in einer naheliegenden Unterführung sah, die mir ein dezentes Handzeichen gab zu ihr zu kommen.
„Hey brauchst du noch ein paar Tickets? Ich hab hier noch zwei und die sind auch echt günstig!“
„Was willste denn dafür?“
„Nur 150 Nuyen!“
„Für beide?“
„Nein, natürlich nicht. Pro Stück versteht sich!“
Ich tat für einen Moment so, als würde ich mir das Angebot durch den Kopf gehen lassen. Schaute mir aber in der Zeit seine Aura im Astralraum an. Ha keine Cyberware! Und wahrscheinlich auch nicht erwacht! Und der will wirklich 150 Nuyen für so`n Ticket – Na der hat Mut.
„Was sagtest du noch mal was du für das Ticket haben willst?
„150“
„Hast du grad 15 gesagt? Für Beide?“
„Hä? Nein, wie kommst du denn darauf? Ich bleib bei -“
Ich musste mich nicht mal sonderlich anstrengen, ein kräftiger Schlag auf einen empfindlichen Nervenpunkt und der Dealer sackte noch ehe er den Satz beenden konnte in sich zusammen. Ein Blick in eine Jackentasche offenbarte zwei VIP-Backstagepässe und bingo! ein paar Credsticks mit kleineren Beträgen, wahrscheinlich die Tageseinnahmen. Ich überschlug die Summe einmal im Kopf und gab Schattenschwinge eine Hälfte ab. Hatte sich der Ausflug doch noch gelohnt. Immerhin hab ich jetzt wieder ein bisschen Geld in der Tasche, ach ja und die Karten und ach ja, die Chance auf noch viel mehr Geld! „Los Schattenschwinge, Wir gehen uns die Band ansehen…“ Wedelte mit den Backstagepässen und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Die Ordner ließen uns ohne große Anstände rein und führten uns zu unseren Plätzen. Passenderweise waren die direkt auf der Bühne neben der Band, viel besser hätte es fast nicht sein können. Der Rest war jetzt nur noch ein Kinderspiel. Der Plan schnell gefasst. Wenn das Konzert zu Ende war, einfach hinter der Band her, gibt dann ja meistens noch `ne Party oder so. Und dann einfach nehmen was man brauch und ab nach Hause. Der Rest ist Docs Aufgabe meine Talente liegen woanders. Noch war allerdings die Vorband auf der Bühne – irgend so ein Hobbymetaler , der wohl Spaß daran fand, nicht nur seinen Keller zu quälen. Als der endlich weg war und die Umbaumaßnahmen auf der Bühne endlich abgeschlossen waren, fand sich auch „7“ auf der Bühne ein. Sie stellten sich uns sogar alle persönlich vor, als Jennifer mir die Hand reichte, brachte ich nicht mehr als ein schiefes Lächeln über die Lippen – sie war bezaubernd, echt hinreißend, aber als ich in ihre Augen blickte, sah ich dennoch nur die Ziffern auf meinem Credstick rotieren. Die Musik war – naja hörbar und Jennifer spielte auch nicht unbedingt schlecht. Uns wurde sogar richtig echter gratis Saft und Kaffe aus gemahlenen Kaffebohnen angeboten. Doch Job ist Job! Und die kleine, die sich auf der Bühne mit Met zuschüttete musste wohl oder übel mit. Nachdem die Band der Meinung war eine Pause einzulegen – die Fans waren definitiv anderer, verschwanden sie in einem Gang zwischen den Vorhängen der Bühne. Schattenschwinge und ich folgten nach ein paar Minuten (der Saft war echt gut!) mit der Absicht uns die Gegend ein bisschen anzuschauen und evtl. einen passenden Ort für die Flucht zu finden. Doch soweit kam es gar nicht erst. Irgend so ein totaler voll Horst muss es wohl lustig gefunden haben Schattenschwinge und mich auf der Bühne mit Betäubungsmunition auszuschalten. Wenn ich den in die Finger kriegen sollte… Nun auf der Bühne sah ich nur noch wie sich der Boden meinem Kopf näherte und Schattenschwinge einen Moment später auf meinen Beinen landete.
Den Rest hat mir der Arzt im Krankenhaus erzählt. Oder habe ich mir aus den Fakten selber zusammengereimt. Lorenzo kam mich auch nochmal besuchen, brachte aber keine Blumen mit sondern mal wieder nur Ärger. Er erzählte mir, dass sich sein Auftraggeber die Sache mit den Organen doch noch mal anders überlegt habe und ich doch trotzdem voll auf die Fresse gefallen sei. Er erließ mir auch noch 500 Nuyen und ich händigte ihm die Credsticks des Dealers aus, auf dass ich seine Visage nicht mehr so schnell wiedersehen hoffte. Das einzig Gute an der Sache war, dass es im Krankenhaus wenigstens echten Kaffee gab. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie viele Tassen ich getrunken hatte, mir war nur furchtbar schlecht…

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KainMcRaven

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